Mittwoch, 6. Januar 2016

READ | NEUES JAHR, NEUES GLÜCK


„Neues Jahr, neues Glück" murmelt sie, als sie die Wunderkerze in die Luft hält. Die Funken sprühen in alle Richtungen. Sie legt den Kopf zur Seite und betrachtet die kleinen Blitze, wie sie durch die dunkle Luft zucken und die Wunderkerze langsam abbrennen lassen. Eigentlich war sie ja für Kinder, aber als sie die Packung im Regal des Discounters liegen sah, musste sie sie einfach mitnehmen. Schon lange hatte es das zu Silvester nicht mehr gegeben. Sie lächelt, denn schöne Kindheitserinnerungen zeigen sich ihr vor ihrem inneren Auge. Ja, vielleicht hatte sie sie deshalb mitgenommen: um sich noch einmal so glücklich an Silvester zu fühlen wie damals. Um das Jahr mit einem Gefühl von Glück und Zufriedenheit zu beginnen. 

Stolz hielt sie damals die kleine Fackel in ihren Händen und zündete eine Kerze nach der anderen an, wollte die Funken nicht verebben lassen, bis nichts mehr zum anzünden da war. Hektisch lief sie mit der Wunderkerze hin und her, denn sie war es, die den anderen das Feuer brachte. Sie war es, die den Erwachsenen half, die anderen Böller anzuzünden. Ohne sie hätte es noch lange keine so bunte Knallerei gegeben. Sie erinnert sich wie sie stolz eine Rakete, die ihr Vater bereits in einer Flasche positioniert hatte, unter seiner Aufsicht entzünden durfte. Und dann erleuchtete der Himmel wie die Funken in ihrer Hand. Nur irgendwie größer, bunter. Sie erinnert sich wie stolz sie war, als sie durchgefroren zurück ins Haus kehrten und sie einen Blick auf die Uhr wagte. Sie war stolz, so lange wach geblieben zu sein und dass sie es ja noch schaffen würde, viel länger auf zu bleiben. Wenn sie wollte, hätte sie die ganze Nacht aufbleiben können und dann fielen ihr doch die Augen zu, als sie die Decke unter ihre Nase zog, um sich aufzuwärmen. Und am nächsten Morgen ging sie auf den Hof und sammelte im Licht die kleinen Metallstäbe der Kerzen auf und staunte, wie viele sie davon gestern Nacht hatte erleuchten lassen. Und stolz erzählte sie das weiter. Sie war aufgeregt und zerrte ihrer Mutter bereits am Hosenbein, weil sie den Countdown garnicht abwarten konnte. Wann war es endlich so weit, dass sie rausstürmen konnten und sie endlich die Kerze anzünden durfte. Warum ging das nicht schon viel ehr? Die Vorfreude und die Spannung spürt sie noch heute ganz genau. Ja, sie hatte Silvester immer geliebt. War immer glücklich, wenn sie die vielen Farben am Himmel aufleuchten sah, den knall hörte und wusste, dass gleich noch mehr am Himmel zu sehen sein wird.

Und jetzt spürte sie diese Vorfreude nicht mehr. Was sollte das neue Jahr schon anderes bringen? Was war nur geschehen? Sie war älter geworden. Der Tag war nicht mehr was es war. Erst um 14 Uhr konnte sie die Arbeit verlassen und musste sich dann mühselig herrichten. Vergessen waren die Tage, an denen es egal war, wie man aus dem Haus ging. Ein Tritt in die ungemütlich hohen Schuhe und sie stürmt aus dem Haus. Sie steigt in das Auto und fährt zu ihren Freunden. Es ist 19 Uhr und draußen ist es schon komplett dunkel. Irgendjemand schmeißt ihr einen Böller vors Auto. Diese Idioten denkt sie. Genervt bremst sie ab und kommt direkt vor diesem blöden „Wünsche werden wahr“ Plakat zum stehen. 
„Pff von wegen..“, sie verdreht die Augen. 
Die Straßen scheinen schon wie leergefegt zu sein, lediglich in der kleinen Kneipe an der Straßenecke scheint sich etwas zu tun. Sie steigt aus um zu sehen, ob ihr Wagen etwas abbekommen hat. Sie läuft vor zur Motorhaube, holt ihr Handy hervor und leuchtet mit der Taschenlampe den Lack ab – noch mal Glück gehabt. Keine Spur wer den Böller geworfen hat. 
„Ist ganz schön witzig, was?“, ruft sie in Nacht, nicht wissend, wen sie da eigentlich anschreit. 
Aber es tut gut ihren Ärger los zu werden. Sie hastet zum Auto zurück und atmet einmal durch. Die Autotür knallt. 
„Das Jahr ist gleich zu Ende, nächstes Jahr wird alles besser.“, sagt sie sich wie ein Mantra. 
Spöttisch grinst sie und ihr Blick landet auf den Wunderkerzen auf dem Beifahrersitz. Jetzt atmet sie deutlich hörbarer aus und legt den Rückwärtsgang ein und fährt. Um nicht weiter über das passierte nachzudenken und die Lust auf Silvester ganz zu verlieren, schaltet sie das Radio an. 
„Noch 273 Minuten und 40 Sekunden bis wir von Zehn runter zählen können. Bis dahin gibt es musikalische Begleitung von DJ Smash, welcher live für euch auflegt und dafür seine Silvesterparty sausen lässt. Also trinkt auf ihn, macht euch bereit, schnappt euch euren Nebenmann und feiert ordentlich ins neue Jahr, die letzten Stunden laufen um all eure Vorsätze über Bord zu werfen, um sie sich nächstes Jahr wieder vornehmen zu können. The Party must go on.“.
Schwachsinn denkt sie. Ist das der Sinn von einem Ziel das man sich setzt? Dass man es immer weiter aufschiebt? Braucht man zu Silvester eigentlich solche blöden Dinge, die man sich immer wieder vornimmt und dann doch nicht schafft, nur um sich vorzunehmen, dass das nächste Jahr nur besser werden kann. Aber wird es dann schon besser? Eigentlich zieht man sich damit nur selbst runter, fokussiert, was man wieder nicht geschafft hat. 

Ihr Auto stellt sie in einer ruhigen Ecke ab, um nicht zu riskieren, dass es heute Nacht doch noch einen Schaden nimmt. Den nun viel zu weiten Weg zu der Wohnung ihrer Freunde muss sie dafür wohl in kauf nehmen. Als sie die Wohnung erreicht hat sie eigentlich schon gar keine Lust mehr auf den Abend, will am liebsten ihre schmerzenden Schuhe ausziehen und sie gegen Jogginghosen und Pantoffeln eintauschen. Sie klingelt. Mit Luftschlangen überhängt macht ihr der Gastgeber die Tür auf und zieht sie in die Wohnung. Alle haben sich herausgeputzt und nippen an ihrem Sektglas. 

„Zehn, Neun, Acht, Sieben, Sechs, Fünf, Vier, Drei, Zwei,..EINS: Frohes Neues!“.

Und aufeinmal ist da wieder das Gefühl. Das Gefühl, dass dieses Jahr vielleicht doch anders werden könnte. Neue Chancen. Sie kramt die Wunderkerzen aus ihrer Handtasche und steckt sie an. Und da ist auch dieses andere Gefühl wieder. Das Gefühl von Zuversicht und Glück. Sie legt den Kopf in den Nacken und betrachtet die am Himmel explodierenden Raketen. Schon bald sind sie in einer Dunstwolke eingehüllt und sie atmet den verkohlten Geruch tief ein. Irgendwie fast wie früher.

„Warum nehmen wir uns Dinge vor und verlieren sie dann wieder aus dem Auge?“.
Benebelt nippt sie gedankenverloren an ihrem Champagner, der extra zu ehren des neuen Jahres ausgeschenkt wurde. 
„Warum sage ich mir jetzt schon, dass ich vom nächstem Jahr auch nichts zu erwarten habe, meine Vorsätze wieder nicht angehe? Warum wird dieses Jahr nicht ganz anders? Warum versuche ich es nicht einfach? Neue Zeit, neues Jahr, neues Glück.“.
Und sie überlegt: Was hat mich eigentlich schon immer gestört? Warum habe ich mich nicht auf das nächste Jahr gefreut? Was will ich schon so lange angehen und habe nie dafür Zeit gefunden? Was kann ich verändern, dass es mir einfach besser geht? Was schleppe ich schon so lange mit mir herum? Was habe ich immer aufgeschoben? Woran habe ich mich nie getraut? Was habe ich für Ziele und wie kann ich sie erreichen? An welche Aufgaben habe ich mich bislang nicht getraut?...und sie versteht: Sie ist diejenige, welche entscheidet, wie das nächste Jahr ablaufen wird. Und sie entscheidet, dass dieses Jahr das beste wird, was sie je erlebt hat, dass das ihr Jahr wird. Vielleicht war das mit den Wunderkerzen doch keine so schlechte Idee. Denn auch jetzt fühlt sie sich wieder stolz: stolz, das endlich erkannt zu haben. Sie hat ihr Leben in der Hand und kann es so verändern, wie sie sich ein gelungenes Jahr mit erfüllten Vorsätzen wünscht. Ein Jahr, in dem sie auf der Überholspur ist und all ihre alten Anhängsel überholt. 

„Auf ein neues gelungenes Jahr!“, die Champagnergläser schellen zusammen.

Um die Quintessenz aus dem Text noch einmal hervorzuheben: Dieses Jahr wird euer Jahr! Ihr habt es in der Hand. Ich wünsche euch ein wundervolles neues Jahr!



Kommentare:

  1. Was für ein schöner Text. Ich finde mich teilweise wieder. Ende 2015 war es bei mir so, dass ich noch nicht mal konkret einen Vorsatz hatte, den ich überzeugend fand. Als dann das neue Jahr begann, war ich dann auf einmal auch überzeugt dass ich immer wieder neue Chancen und Möglichkeiten haben werde. Die Themengebiete finde ich richtig klasse. Tolle Idee! Habe das Gepäck von 2015 faaast hinter mich gelassen ;)
    Bisschen schweife ich gefühlstechnisch noch manchmal ab :)
    Liebe Grüße
    Larissa

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  2. Den Text finde ich super geschrieben :)

    Ich wünsche dir noch ein frohes, gesundes Neues Jahr!

    Liebe Grüße,
    Andrea <3

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  3. Ein wunderschöner Text und du hast so recht.
    Toller Post.
    Liebe Grüße, Michelle von beautifulfairy

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